Die sechs Paramitas oder der sechsfache Übungsweg

Die sechs Paramitas bilden als sechsfacher Übungsweg eine tragende Säule auf dem Bodhisattva-Pfad im Mahayana Buddhismus.

I. Begriff

Der Begriff paramita kommt ursprünglich aus dem Sanskrit und wird häufig übersetzt mit Tugend, Vollkommenheit oder Perfektion. Für die etymologische Herleitung werden im Wesentlichen zwei Deutungen genannt. Nach der traditionellen Deutung ist paramita zusammengesetzt aus para (das andere Ufer) und ita (gegangen) und bezeichnet mithin das, was zum anderen Ufer (des Erwachens) führt. Alternativ wird paramita auch abgeleitet von parama (höchst, vollkommen, ausgezeichnet). In diesem Sinne wird das Prajna Paramita Sutra auch als Sutra der vollkommenen Weisheit bezeichnet.

II. Entstehung der Paramita-Lehre im Mahayana

Die Paramita-Lehre wurde im frühen Mahayana Buddhismus (entstanden zwischen dem 1. Jh. v.Chr. und dem 1. Jh. n. Chr.) und insbesondere im Prajna Paramita Sutra ausgearbeitet. Dort bildet sie das Fundament des sog. Bodhisattva-Ideals. Im Unterschied zum Hinayana (sog. kleines Fahrzeug) des frühen Buddhismus, das mit dem Ideal des Arhats die individuelle Befreiung durch Erlangung des Nirwana in den Mittelpunkt rückt, präsentiert das Mahayana (sog. großes Fahrzeug) einen spirituellen Weg, der nicht nur auf die eigene Befreiung abzielt, sondern auf die Befreiung aller fühlenden Wesen. In diesem Sinne ist es das Ziel eines Bodhisattva (Erleuchtungswesen), die vollständige und vollkommene Erleuchtung zu erlangen, um dann – bevor er selbst zum Buddha wird und ins Nirwana eintritt – zunächst allen anderen Wesen zur Befreiung aus dem Kreislauf des Leidens zu verhelfen. Der Bodhisattva-Pfad ist folglich ein altruistisches Ideal, das die eigene Befreiung in den Dienst der Befreiung aller stellt. Zum Bodhisattva-Pfad des Mahayana gehört die Verwirklichung letztendlicher Weisheit (Prajna) und grenzenlosen Mitgefühls (Karuna). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die sechs Paramitas Eigenschaften beschreiben, die ein Bodhisattva kultiviert, um Buddhaschaft zum Wohle aller Wesen zu verwirklichen.

Die sechs Paramitas sind:

Dana Geben
Sila Ethische Disziplin, Tugend, Moral
Ksanti Geduld, Duldsamkeit
Virya Tatkraft, freudige Anstrengung
Dhyana Meditation, Sammlung
Prajna Weisheit

Im späteren Mahayana wurde der klassische Kanon der sechs Paramitas dann noch um die vier weiteren Aspekte Upaya (geschickte Mittel, richtige Methode), Pranidhana (Gelübde, Entschlossenheit), Bala (spirituelle Kraft) und Jnana (vollständige Erkenntnis, Wissen) erweitert.

III. Die sechs Paramitas im Einzelnen

Dana wird mit Geben und Großzügigkeit übersetzt. Die Paramita erschöpft sich allerdings nicht in der Gabe von materiellen Zuwendungen, sondern umfasst darüber hinaus jede Art von Zuwendung (materieller oder auch ideeller Art) ohne Erwartung einer Gegenleistung. Die Kernprinzipien von Dana sind somit das Geben ohne Anhaftung im Sinne eines echten Loslassens oder Wegwerfens sowie das selbstlose Geben aus Mitgefühl (Karuna).

In der buddhistischen Lehre werden häufig drei Arten von Dana unterschieden: (i) materielle Gaben (amisa dana), (ii) Geben von Furchtlosigkeit (abhadya dana), wie beispielsweise das Gewähren von Schutz oder das Nehmen von Angst sowie (iii) das Geben der Lehre (dharma dana).

In diesem Sinne heißt Dana, nichts festhalten, nichts für sich selbst besitzen wollen, sich selbst verschenken. Entscheidend ist bei allen Gaben das Element der Selbstlosigkeit bzw. Absichtslosigkeit. Erst wenn Gebender, Gabe und Empfänger verschwinden, beginnt Dana.

Anschaulich wird dies an der Legende einer Unterredung zwischen Bodhidharma und Kaiser Wu. Danach wendet sich Kaiser Wu, ein großer Förderer des Buddhismus im alten China wie folgt an Bodhidharma:

Kaiser Wu: „Seit meiner Thronbesteigung hab ich zahlreiche Tempel bauen, Sutren abschreiben und unzählige Mönche unterstützen lassen. Welches Verdienst habe ich dadurch erworben?
Bodhidharma: „Kein Verdienst.“
Kaiser Wu: „Warum kein Verdienst?“
Bodhidharma: „Dies sind nur geringe Verdienste der Welt. Sie bringen günstige Wirkungen innerhalb von Ursache und Wirkung hervor, doch sie sind nicht das wahre Verdienst.“

Hindernisse auf dem Weg zur Vervollkommnung des Dana Paramita sind daher Anhaftung an Besitz, Geiz, Erwartung von Dank oder einer Gegenleistung sowie die Unterscheidungen zwischen „würdigen“ und „unwürdigen“ Empfängern.

Dana lässt sich versinnbildlichen als sprudelnder Quell, der unaufhörlich Wasser spendet, ohne dass sein Vorrat schwindet.

Diese Paramita bezeichnet die Vollkommenheit der Ethik, Disziplin, Moral oder Tugend. Sie ist sehr weitreichend und umfasst die gesamte buddhistische Ethik als Grundlage aller Handlungen wie zum Beispiel den achtfachen Pfad oder die zehn buddhistischen Gelöbnisse (vgl. dazu auch unten).

Bei Sila geht es darum, jedwede schädlichen Handlungen zu unterlassen und heilsame Handlungen zu kultivieren auf der Basis von Achtsamkeit und Mitgefühl.

Hindernisse auf dem Weg zu Vervollkommnung von Sila sind Impulsivität, Gier, Hass und Unwissenheit.

Sila ist das stabile Fundament, auf dem das Haus des Bodhisattva sicher gebaut werden kann.

Ksanti ist die Vollkommenheit der Geduld und beschreibt die Fähigkeit, alle Arten von Widrigkeiten mit Gleichmut und Ausdauer zu ertragen, ohne Ärger und Groll zu entwickeln.

Unterschieden werden die Geduld (i) gegenüber Beleidigungen, Angriffen, Anfeindungen, (ii) gegenüber Leid im Allgemeinen sowie (iii) gegenüber der Verwirklichung der tiefen Wahrheit

Ein Beispiel für Ksanti ist das Ertragen der Schmerzen beim Sitzen in Meditationshaltung.

Hindernisse auf dem Weg zur Vervollkommnung von Ksanti sind demnach Ärger, Frustration, Ungeduld, Rachegedanken, Stolz, Rechthaberei oder mangelnde Selbstbeherrschung.

Ksanti ist der Fels in der Brandung, der unverrückbar stehen bleibt, auch wenn sich die Wellen an ihm brechen und über ihm zusammenschlagen.

Virya bezeichnet die unermüdliche Anstrengung und den freudigen Eifer auf dem spirituellen Weg und in allen heilsamen Handlungen. 

Die Kernprinzipien von Virya sind die Beständigkeit der Anstrengung (also etwa die kontinuierliche Zen-Praxis ohne Aufgeben), die Freude an heilsamen Taten im Sinne einer Motivation aus innerer Überzeugung sowie auch die Überwindung von Trägheit. Virya ist die Energie, auch bei Rückschlägen immer wieder aufzustehen, immer wieder anzufangen.

Hindernisse auf dem Weg zur Verwirklichung von Virya sind Trägheit, Faulheit, Mutlosigkeit und Zweifel.

Metaphorisch stellt sich Virya als stetig fließender Fluss dar, der sich beständig und unaufhaltsam seinen Weg zum Meer bahnt.

Dhyana ist die Entwicklung geistiger Sammlung in allen Tätigkeiten, nicht nur in der Sitzmeditation, sondern auch bei Rezitation und Alltagsarbeit. Sie führt zu innerer Ruhe, Klarheit und Fähigkeit, die wahre Natur der Dinge zu erkennen.

Geistige Unruhe und Ablenkungen sind die Hemmnisse auf dem Weg zur Verwirklichung von Dhyana.

Die tiefe geistige Sammlung (Dhyana) ist wie ein ruhiger, tiefgründiger See.

Die Weisheit ( Prajna) ist die Königin der Paramitas. Gemeint ist mit Prajna die höchste Form der Weisheit, die die wahre Natur der Dinge erkennt, insbesondere die Leerheit (Shunyata) aller Phänomene und sowie das Entstehen in Abhängigkeit. Die Vervollkommnung von Prajna führt daher letztendlich zur Überwindung der Subjekt-Objekt-Trennung.

Auf dem Weg zur Vervollkommnung von Prajna gilt es, die Anhaftung an Konzepten und das rein intellektuelle Verstehen ohne wahre Einsicht zu überwinden. Reines Wissen ist nicht Weisheit im Sinne von Prajna.

Prajna wird als Königin der Paramitas bezeichnet, weil ohne Weisheit die übrigen Paramitas nur weltliche Tugenden sind. Erst wenn sie von Weisheit durchdrungen sind, führen sie zur Befreiung.

Prajna ist der klare ungetrübte Spiegel, der die Dinge so zeigt, wie sie wirklich sind.

Die sechs Paramitas bilden keine Leiter, deren einzelne Stufen nach und nach erworben werden können. Sie sind vielmehr Ausdruck der erwachten Natur selbst und stellen die Art und Weise dar, in der sich Erwachen im Handeln manifestiert.

Für den noch nicht Erleuchteten sind die sechs Paramitas ein untrennbares, sich selbststärkendes System auf dem Pfad zur Erleuchtung. Dana ist der Ausgangspunkt, der die Anhaftung an die Vorstellung von dem Selbst und an materielle Dinge lockert. Sila bildet die stabile moralische Basis, die schädliche Handlungen vermeidet. Ksanti ist unerlässlich, um die Herausforderungen der ethischen Praxis und spirituellen Entwicklung zu meistern. Sie schützt vor Ärger und Frustration. Virya ist die Motivation, die uns immer wieder auf unseren Weg (den Bodhisattva-Pfad) zurückführt. Dhyana ist die Brücke zur Weisheit, indem sie die notwendige Klarheit und Stille schafft, in der allein tiefere Einsicht entstehen kann. Und Prajna ist schließlich die führende Kraft und gleichzeitig die Krönung aller Paramitas. Sie durchdringt und vervollkommnet alle anderen Tugenden.

IV. Verhältnis der sechs Paramitas zum achtfachen Pfad und den zehn Gelöbnissen.

Besonders die ersten vier Paramitas (Dana, Sila, Ksanti und Virya) haben einen klaren ethisch-moralischen Bezug. Ethische Grundsätze finden sich auch an anderer Stelle der buddhistischen Lehre, so insbesondere im achtfachen Pfad  und den 10 buddhistischen Gelöbnissen. Die sechs Paramitas sind jedoch nicht im Sinne eines gesonderten, auf den Bereich des Mahayana begrenzten ethischen Kanons zu verstehen. Wie schon oben ausgeführt, integrieren sie vielmehr (insbesondere Sila) sämtliche ethischen Grundsätze, wie sie auch im achtfachen Pfad und den zehn buddhistischen Gelöbnissen zum Ausdruck kommen. Die Besonderheit der sechs Paramitas liegt hingegen vielmehr darin, das sie als Ausdruck der erwachten Natur selbst und tragende Säule zur Befreiung aller fühlenden Wesen angesehen werden.

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